Was passiert bei Breathwork im Gehirn?
Mehr Atem, weniger Sauerstoff im Kopf: Was Breathwork in Hirnstamm, limbischem System und Kortex auslöst – verständlich erklärt, mit aktuellen Studien.

Du bist seit einigen Minuten in einer Breathwork-Session. Deine Hände kribbeln, um den Mund entsteht ein ungewohntes Gefühl. Vielleicht kommen Tränen, vielleicht musst du lachen. Oder du bemerkst, dass es in dir plötzlich stiller wird.
Und vielleicht stellst du dir danach die Frage: Was passierte hier eigentlich gerade?
Diese Frage kommt nach einer ersten Session häufig. Und wir können sie heute besser beantworten als noch vor einigen Jahren. Gleichzeitig sind viele Zusammenhänge noch nicht abschließend geklärt.
Die Neurowissenschaft von Breathwork ist ein junges Forschungsfeld. Während einer Session bewegen sich Menschen, weinen oder zittern. Das macht Messungen im EEG oder MRT schwierig. Erst in den vergangenen Jahren sind Studien erschienen, die Veränderungen im Gehirn während intensiver Atemarbeit genauer untersuchen.
In diesem Artikel schauen wir uns an, was dabei bisher beobachtet wurde: von der Atemregulation im Hirnstamm über die Insula und das limbische System bis zur Großhirnrinde. Dabei ist mir eine Unterscheidung wichtig: Was zeigen die Studien tatsächlich – und was ist eine mögliche Erklärung für das, was Menschen in einer Session erleben?
Warum mehr Atmen nicht automatisch mehr Sauerstoff bedeutet
Beginnen wir mit einem Zusammenhang, der zunächst widersprüchlich klingt.
Beim Conscious Connected Breathwork atmest du tiefer und meist etwas schneller als im Alltag. Zwischen Ein- und Ausatmung gibt es keine bewusste Pause. Man könnte deshalb erwarten, dass mehr Atem auch mehr Sauerstoff für das Gehirn bedeutet. Physiologisch ist es allerdings etwas komplizierter.
Eine wichtige Rolle spielt Kohlendioxid (CO₂). Es ist nicht einfach nur ein Abfallprodukt des Stoffwechsels, sondern reguliert unter anderem den pH-Wert des Blutes und die Weite der Blutgefäße im Gehirn.
Wenn du über längere Zeit mehr atmest, als dein Stoffwechsel gerade benötigt, gibst du mehr CO₂ ab, als dein Körper nachproduziert. In einer Studie von Martha Havenith und Kolleg:innen aus dem Jahr 2025 sank der gemessene CO₂-Wert bei den aktiv Atmenden im Durchschnitt auf etwa 20 mmHg. Bei den Teilnehmenden, die während derselben Session normal weiteratmeten, lag er bei knapp 37 mmHg. Bei manchen aktiv Atmenden wurden Werte zwischen 10 und 20 mmHg gemessen.
Was passiert dabei im Körper?
- Der pH-Wert des Blutes steigt. Wenn CO₂ abnimmt, wird das Blut basischer. Dieser Zustand wird als respiratorische Alkalose bezeichnet.
- Die Blutgefäße im Gehirn verengen sich. Sinkt der CO₂-Wert, nimmt die Hirndurchblutung ab. Als grobe Orientierung gilt: Pro mmHg weniger CO₂ kann die Hirndurchblutung um etwa drei Prozent sinken.
- Sauerstoff wird anders abgegeben. In einem basischeren Milieu bindet Hämoglobin Sauerstoff stärker. Dadurch gibt es ihn schlechter an das Gewebe ab.
Wie deutlich die Durchblutung während einer Session abnehmen kann, hat ein Team um Amy Kartar und Alessandro Colasanti 2025 erstmals im MRT untersucht. Die Durchblutung der grauen Substanz sank zu Beginn der Session um rund 30 Prozent und in der vertieften Phase um rund 42 Prozent.
Die wichtigste Erkenntnis ist deshalb nicht, dass mehr Atmen grundsätzlich schlecht wäre. Sie ist eine andere: Mehr Atem bedeutet nicht automatisch, dass das Gehirn besser versorgt wird. Bei intensiver Atemarbeit können sich CO₂-Wert, pH-Wert und Hirndurchblutung deutlich verändern.
Bei gesunden Menschen normalisieren sich CO₂ und pH-Wert in der Regel wieder, wenn sich die Atmung beruhigt. Trotzdem sind diese Veränderungen kein Grund, intensive Atemübungen als für alle Menschen unbedenklich zu betrachten. Die individuelle gesundheitliche Situation und ein geeigneter Rahmen bleiben wichtig.
Für das Verständnis von Breathwork ist nun vor allem eine Frage interessant: Könnten diese physiologischen Veränderungen mit dem veränderten Erleben während einer Session zusammenhängen?
Warum Hände und Mund kribbeln
Das Kribbeln in Händen, Füßen oder um den Mund lässt sich ebenfalls durch diese physiologischen Veränderungen erklären. Bei einer respiratorischen Alkalose nimmt der Anteil des frei verfügbaren Kalziums im Blut ab. Dadurch können Nerven und Muskeln leichter erregbar werden. Bei manchen Menschen führt das auch zu Muskelverkrampfungen, etwa zur sogenannten Pfötchenstellung der Hände.
Das ist keine Fehlfunktion und auch kein Beleg für einen „Energieblock“. Es ist eine körperliche Reaktion auf die veränderte Atem- und Blutchemie. Sie lässt nach, wenn sich die Atmung wieder beruhigt.
Der Hirnstamm: Wie der Atem mit dem Alarmsystem verbunden ist
Im Hirnstamm liegt ein Netzwerk von Nervenzellen, das den grundlegenden Rhythmus der Atmung mitsteuert. Ein Teil davon ist der sogenannte Prä-Bötzinger-Komplex. Er hilft dabei, den Rhythmus zu erzeugen, mit dem wir ein- und ausatmen – auch dann, wenn wir nicht bewusst darüber nachdenken.
Lange wurde dieses Netzwerk vor allem als eine Art Taktgeber der Atmung betrachtet. Eine Studie der Stanford University aus dem Jahr 2017 zeigte jedoch, dass eine kleine Gruppe von ungefähr 175 Neuronen den Atemrhythmus auch an den Locus coeruleus weiterleitet. Dieses Kerngebiet ist unter anderem an Wachheit, Aufmerksamkeit und Alarmreaktionen beteiligt und sendet Signale in weite Teile des Gehirns.
Als Forschende diese Neuronen bei Mäusen ausschalteten, atmeten die Tiere weiter, wirkten aber deutlich ruhiger. Das Ergebnis lässt sich nicht eins zu eins auf Menschen übertragen. Es zeigt jedoch, dass Atemrhythmus und Aktivierungszustand neurologisch miteinander verbunden sind.
Der Atem ist also nicht nur eine Reaktion auf unseren inneren Zustand. Er liefert dem Gehirn auch Informationen darüber, was gerade im Körper passiert.
Ein ruhiger Atemrhythmus und ein schneller, intensiver Atemrhythmus können deshalb unterschiedliche Signale begleiten. Wie sich diese Signale im konkreten Moment auswirken, hängt allerdings auch vom Kontext und von der individuellen Situation ab.
Hinweise auf eine Aktivierung zeigen sich auch in Studien zu intensiver Atemarbeit. In der MRT-Studie von Kartar und Kolleg:innen stieg während der Session die Aktivität des Sympathikus. Dieser Teil des autonomen Nervensystems ist unter anderem an der körperlichen Kampf-oder-Flucht-Reaktion beteiligt. Je stärker die Aktivierung ausfiel, desto intensiver war auch das veränderte Erleben der Teilnehmenden. Studien zur Wim-Hof-Methode, bei der intensive Atmung mit Atempausen kombiniert wird, fanden zudem einen deutlichen Anstieg von Adrenalin im Blut.
Die erste Phase einer intensiven Breathwork-Session ist deshalb nicht unbedingt Entspannung. Sie kann zunächst eine deutliche Aktivierung sein.
Das passt zu dem, was wir bei VELA™ unter Nervensystemregulation verstehen: Regulation bedeutet nicht, jederzeit möglichst ruhig zu sein. Ein System muss sich auch aktivieren können und anschließend wieder in einen regulierten Zustand zurückfinden. Entscheidend sind der passende Reiz, die Dosierung und ein sicherer Rahmen.
Die Insula: Körperwahrnehmung und das Gefühl für die eigenen Grenzen
Weiter oben im Gehirn liegt die Insula, auch Inselrinde genannt. Sie befindet sich tief zwischen anderen Hirnregionen und verarbeitet Signale aus dem Körper. Dazu gehören zum Beispiel Herzschlag, Atmung, Spannung, Wärme oder Enge.
Die Fähigkeit, solche inneren Körpersignale wahrzunehmen, wird als Interozeption bezeichnet. Die Insula ist daran wesentlich beteiligt. Sie hilft dabei, körperliche Signale zu einem zusammenhängenden Erleben zu verarbeiten – also auch zu dem Gefühl, einen eigenen Körper zu haben und als Person von der Umwelt unterschieden zu sein.
In der MRT-Studie von Kartar und Kolleg:innen zeigte sich ein interessanter Zusammenhang: Je stärker die Durchblutung in einem Bereich der linken hinteren Insula und des angrenzenden Operculums während der Session abnahm, desto ausgeprägter berichteten die Teilnehmenden von dem, was Forschende als „ozeanische Grenzenlosigkeit“ bezeichnen. Gemeint sind Erlebnisse von Einheit, Verbundenheit und Glückseligkeit.
Vielleicht kennst du solche Momente aus einer Session: Die Grenze zwischen dir und deiner Umgebung fühlt sich weniger klar an. Du erlebst Verbundenheit oder hast das Gefühl, dass dein übliches Selbstbild für eine Weile in den Hintergrund tritt.
Eine mögliche Erklärung ist, dass Veränderungen in den Hirnregionen, die an der Verarbeitung von Körpersignalen und am Selbstempfinden beteiligt sind, mit diesem Erleben zusammenhängen. Auch Untersuchungen zu seltenen ekstatischen epileptischen Anfällen bringen die Insula mit Erfahrungen von Klarheit, Einheit und Glück in Verbindung.
Wichtig ist aber, was diese Daten nicht zeigen: Es handelt sich um einen Zusammenhang, nicht um einen Beweis für Ursache und Wirkung. Außerdem standen in der MRT-Studie nur 13 auswertbare Datensätze von erfahrenen Breathwork-Teilnehmenden zur Verfügung. Das ist ein interessanter erster Befund, aber noch keine abschließende Erklärung dafür, warum Menschen solche Erfahrungen machen.
Das limbische System: Warum Gefühle und Erinnerungen auftauchen
Wenn Menschen von ihrer Breathwork-Session erzählen, geht es häufig um mehr als körperliche Empfindungen. Sie berichten von Trauer, Wut oder Freude, die plötzlich auftauchte. Manche erinnern sich an Situationen, an die sie lange nicht gedacht haben. Andere können das Erleben nicht in eine konkrete Geschichte fassen, spüren aber, dass etwas emotional in Bewegung gekommen ist.
Für solche Prozesse ist unter anderem das limbische System relevant. Es ist kein einzelnes Zentrum, sondern ein Netzwerk verschiedener Hirnregionen, die an Emotion, Bewertung und Gedächtnis beteiligt sind. Zwei Strukturen sind dabei besonders interessant:
- Die Amygdala, auch Mandelkern genannt, bewertet, ob Reize bedeutsam oder möglicherweise bedrohlich sind, und ist an der emotionalen Einfärbung von Erfahrungen beteiligt.
- Der Hippocampus hilft dabei, Erlebnisse zeitlich und situativ einzuordnen. Er spielt außerdem eine wichtige Rolle beim Speichern und Abrufen von Erinnerungen.
Der Atem gibt dem limbischen System einen Takt
Dass Atmung und limbisches System eng verbunden sind, ist gut belegt. In einer Studie der Northwestern University aus dem Jahr 2016 untersuchten Forschende Menschen mit Epilepsie, denen im Rahmen ihrer medizinischen Behandlung Elektroden ins Gehirn eingesetzt worden waren. Sie konnten direkt messen, dass die Aktivität in Amygdala und Hippocampus mit dem Rhythmus der Nasenatmung zusammenhing.
Auch bei bestimmten Aufgaben machte sich dieser Zusammenhang bemerkbar. Beim Einatmen erkannten die Versuchspersonen ängstliche Gesichter schneller und erinnerten sich besser an Bilder. Wenn sie durch den Mund atmeten, war dieser Effekt weitgehend nicht mehr zu beobachten.
Diese Ergebnisse zeigen, dass die Atmung mit der Verarbeitung von Emotionen und Erinnerungen zusammenhängt. Sie erklären aber noch nicht vollständig, was während einer intensiven Breathwork-Session passiert.
Was passiert nun während der Session?
Eine besonders interessante Beobachtung stammt aus der MRT-Studie von Kartar und Kolleg:innen. Während die Durchblutung des Gehirns insgesamt deutlich abnahm, stieg bei Teilnehmenden mit besonders intensivem Erleben die Durchblutung in einem Bereich der rechten Amygdala und des vorderen Hippocampus von der ersten zur vertieften Phase der Session an. Je intensiver das Erleben war, desto stärker fiel dieser Anstieg aus.
Während sich die Durchblutung im Gehirn insgesamt veränderte, zeigte sich also in diesen Regionen ein anderes Muster. Das ist deshalb interessant, weil Amygdala und Hippocampus an emotionaler Bewertung und Erinnerung beteiligt sind.
Die Forschenden vermuten, dass Breathwork dadurch möglicherweise die Verarbeitung emotional bedeutsamer Erinnerungen beeinflussen könnte. Ähnliche Prozesse werden auch in der Forschung zur psychedelisch unterstützten Therapie diskutiert. Die Autor:innen betonen allerdings selbst, dass diese Interpretation bislang spekulativ ist.
Für die Praxis bietet der Befund eine mögliche Erklärung dafür, warum während einer Session Gefühle oder Erinnerungsbilder auftauchen können. Er beweist aber nicht, dass jede auftauchende Erinnerung eine bestimmte Bedeutung hat oder dass sie zwangsläufig auf diese Weise verarbeitet wird. Das Erleben darf zunächst da sein, ohne dass es sofort interpretiert werden muss.
Warum CO₂ auch für Angst eine Rolle spielt
Die Amygdala reagiert nicht nur auf emotionale Reize. Sie kann auch direkt auf Veränderungen des CO₂-Gehalts reagieren. In Tierversuchen aus dem Jahr 2009 zeigte sich, dass steigendes CO₂ über säureempfindliche Kanäle in der Amygdala Angstverhalten auslösen kann. Wenn mehr CO₂ im Gewebe vorhanden ist, wird es saurer. Dieser Mechanismus wird als Teil eines biologischen Alarmsystems verstanden, das auf mögliche Atemnot reagieren kann.
Das hilft zu verstehen, warum Atemanhalten oder das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen, schnell Angst auslösen kann. Während intensiver Atemarbeit verändert sich die Blutchemie zunächst in die andere Richtung: Der CO₂-Wert sinkt und das Blut wird basischer. Was das konkret für die Aktivität der Amygdala beim Menschen während einer Breathwork-Session bedeutet, ist bisher nicht ausreichend untersucht.
Die Großhirnrinde: Wenn Analyse und Kontrolle in den Hintergrund treten
Die Großhirnrinde, insbesondere der präfrontale Kortex im Stirnbereich, ist an vielen Funktionen beteiligt, die wir mit bewusstem Denken verbinden: planen, abwägen, analysieren, Entscheidungen treffen und das eigene Verhalten kontrollieren.
Auch diese Bereiche reagieren auf Veränderungen des CO₂-Gehalts und der Hirndurchblutung. Was das subjektive Erleben betrifft, geben mehrere neuere Studien erste Hinweise.
In einer EEG-Studie mit 20 gesunden Erwachsenen (Bahi et al., 2024) war nach einer 45-minütigen Session die Aktivität in bestimmten Frequenzbereichen verändert. Dazu gehörten die langsamen Delta- und Theta-Bänder sowie der untere Beta-Bereich. Erhöhte Beta-Aktivität wird in manchen Zusammenhängen mit Grübeln in Verbindung gebracht. Gleichzeitig berichteten die Teilnehmenden von weniger Anspannung, Verwirrung und Niedergeschlagenheit sowie von einem höheren Selbstwertgefühl.
In einer weiteren Studie mit 18 Teilnehmenden (Canello et al., 2026) nahmen das veränderte Erleben, das Körperempfinden und die nach innen gerichtete Aufmerksamkeit in den Selbstberichten deutlich zu. Ein Bereich ging eher zurück: die sogenannte Selbstbewusstheit, hier verstanden als verstärkte Beobachtung und Kontrolle der eigenen Gedanken.
Eine mögliche Interpretation lautet, dass die bewusste Kontrolle und Analyse zeitweise weniger im Vordergrund stehen, während Körperempfindungen, Emotionen und innere Bilder stärker wahrgenommen werden. Das ist ein Erklärungsmodell und noch keine gesicherte Erklärung des gesamten Prozesses.
Es passt jedoch zu Beschreibungen, die Menschen nach Sessions häufig geben: dass der Kopf stiller war, dass sie weniger analysiert und mehr gefühlt haben oder dass Gedanken für eine Weile nicht mehr so wichtig schienen.
Gibt es einen Schwellenwert für veränderte Bewusstseinszustände?
Eine Studie von Havenith und Kolleg:innen aus dem Jahr 2025 untersuchte 61 erfahrene Breathwork-Teilnehmende. Während der Session gaben die Teilnehmenden per Handzeichen an, wie intensiv ihr Erleben gerade war. Parallel dazu wurde ihr CO₂-Wert gemessen.
Dabei zeigte sich ein deutlicher Zusammenhang: Je stärker der CO₂-Wert sank, desto ausgeprägter war tendenziell der veränderte Bewusstseinszustand. Intensive Zustände traten kaum auf, solange das CO₂ im Bereich um 35 mmHg blieb. Bei Werten unter etwa 20 mmHg fiel es den Teilnehmenden dagegen schwer, im gewohnten Alltagsbewusstsein zu bleiben.
Interessant war auch der zeitliche Verlauf. Als der CO₂-Wert in der zweiten Hälfte der Session wieder anstieg, hielt der veränderte Zustand bei einigen Teilnehmenden noch eine Weile an.
Der sinkende CO₂-Wert könnte also eher dazu beitragen, einen veränderten Zustand auszulösen, als ihn während der gesamten Zeit allein aufrechtzuerhalten. Sobald sich das Erleben verändert hat, müssen die physiologischen Bedingungen nicht unverändert bleiben, damit dieser Zustand noch eine Weile anhält.
Die Tiefe der berichteten Erfahrungen war bemerkenswert. In standardisierten Fragebögen, wie sie auch in der Psychedelika-Forschung eingesetzt werden, lagen die Werte für mystische Erfahrungen auf einem Niveau, das mit einer mittleren therapeutischen Dosis Psilocybin verglichen wurde. Teilnehmende mit tieferem Erleben berichteten eine Woche später außerdem von mehr Wohlbefinden.
Ein weiterer Punkt ist mir dabei wichtig: Auch die Kontrollgruppe, die während derselben Session normal weiteratmete, berichtete von leichten Veränderungen. Neben der Atmung können also auch der Raum, die Musik, die Gruppe und die Begleitung eine Rolle spielen. Die Ergebnisse lassen sich deshalb nicht allein auf einen einzelnen physiologischen Mechanismus reduzieren.
Das Gesamtbild: Körper, Gefühle und Denken verändern sich gemeinsam
Wenn wir diese Studien nebeneinanderlegen, entsteht ein erstes, noch unvollständiges Bild. Intensive verbundene Atmung verändert den CO₂-Wert und damit unter anderem den Säure-Basen-Haushalt und die Durchblutung des Gehirns. Gleichzeitig zeigen Untersuchungen Veränderungen in der Aktivierung des autonomen Nervensystems sowie in Bereichen, die an Körperwahrnehmung, Emotion, Erinnerung und bewusstem Denken beteiligt sind.
Das könnte erklären, warum Menschen in einer Session einerseits körperlich stark aktiviert sind und andererseits das Gefühl haben, weniger zu analysieren oder Emotionen unmittelbarer wahrzunehmen.
Wir sollten dabei nicht so tun, als wäre bereits jedes Detail verstanden. Die Studien untersuchen unterschiedliche Gruppen, verwenden verschiedene Messmethoden und beantworten jeweils nur einen Teil der Frage. Trotzdem entsteht zunehmend eine wissenschaftliche Grundlage, um Erfahrungen aus Breathwork-Sessions genauer zu untersuchen, statt sie ausschließlich subjektiv zu beschreiben.
Was nach der Session passiert
Die Veränderungen während der Session sind nur ein Teil des Bildes. Für die Praxis ist ebenso wichtig, was danach geschieht.
In einer Studie zu Conscious Connected Breathwork (Canello et al., 2026) sank die Herzratenvariabilität (HRV) während der Session und lag anschließend höher als vor der Session. Die HRV beschreibt die zeitlichen Schwankungen zwischen Herzschlägen und wird unter anderem als Hinweis auf die Anpassungsfähigkeit des autonomen Nervensystems betrachtet. Sie ist allerdings kein einzelner, umfassender Messwert für „gute Regulation“.
In der Studie von Havenith et al. (2025) sank nach der Session außerdem die Alpha-Amylase im Speichel. Dieser Marker hängt mit der Aktivität des Sympathikus zusammen.
Eine Woche später berichteten die aktiv Atmenden von mehr Wohlbefinden und weniger depressiven Symptomen. Dabei zeigte sich: Je tiefer die Erfahrung in der Session war, desto größer war der berichtete Zuwachs an Wohlbefinden.
Ein mögliches Muster dahinter ist das Zusammenspiel von Reiz und Erholung. Das Nervensystem wird während der Session gefordert und verändert seinen Zustand anschließend erneut. Ob beobachtete Verbesserungen stärker auf körperliche Anpassungsprozesse – häufig als Hormese beschrieben – oder auf das emotionale Erleben zurückzuführen sind, ist noch offen. Die Autor:innen der HRV-Studie vermuten, dass die emotionale Verarbeitung eine größere Rolle spielen könnte. Wahrscheinlich greifen mehrere Faktoren ineinander.
Für VELA™ ist dabei eine weitere Frage entscheidend: Ein besseres Gefühl am Tag nach einer Session ist noch nicht dasselbe wie eine Veränderung, die im Alltag Bestand hat.
In unserer eigenen 90-Tage-Verlaufsmessung stieg die gemessene Körperwahrnehmung um 24 Prozent. Sie entwickelte sich zwischen Tag 28 und Tag 90 weiter – also lange nach dem Ende der Ausbildung. Da die Insula an der Verarbeitung innerer Körpersignale beteiligt ist, passt dieser Befund inhaltlich zum Forschungsfeld der Interozeption. Er beweist allerdings nicht, dass die Veränderung durch eine bestimmte Hirnregion verursacht wurde. Er liefert einen Hinweis darauf, dass Körperwahrnehmung trainierbar sein könnte und sich auch nach einer intensiven Ausbildungsphase weiterentwickeln kann.
Warum Begleitung und Sicherheit dazugehören
Wenn intensive Atemarbeit physiologische Prozesse verändert, das autonome Nervensystem aktiviert und das Erleben zeitweise verändert, ist der Rahmen kein nebensächliches Detail.
Daraus ergeben sich drei praktische Konsequenzen.
1. Intensive Atemarbeit ist nicht für alle Menschen geeignet. Bei entsprechender Veranlagung kann sie unter anderem epileptische Anfälle oder Panikreaktionen begünstigen. In den Studien von Havenith, Kartar und Canello wurden deshalb Menschen mit bestimmten gesundheitlichen Risiken – darunter Epilepsie, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schwangerschaft oder bestimmte psychische Erkrankungen – ausgeschlossen. Ein sorgfältiges Vorgespräch und die Beachtung von Kontraindikationen sind deshalb wichtig.
2. Intensität ist kein Wettbewerb. Ein stärkeres Erleben ist nicht automatisch besser oder hilfreicher. Bei VELA™ ist dies strukturell angelegt. Es geht nicht darum, das Nervensystem möglichst stark zu überfordern, sondern darum, eine Erfahrung zu ermöglichen, in der die teilnehmende Person möglichst präsent bleiben kann und bei der sie möglichst viel in den Alltag übersetzen kann.
3. Begleitung ist Teil des Sicherheitsrahmens. Wenn die gewohnte Kontrolle zeitweise in den Hintergrund tritt, werden Präsenz, Einschätzung und ein angemessener Umgang mit Aktivierung wichtiger. Eine gut ausgebildete Begleitperson ist deshalb kein optionales Extra, sondern Teil einer verantwortungsvoll gestalteten Session.
Aus diesem Grund nehmen Nervensystem, Physiologie, Kontraindikationen und Sicherheit in der VELA™ Ausbildung einen ebenso wichtigen Platz ein wie die Atemtechnik selbst. Menschen zu begleiten bedeutet nicht nur, zu wissen, wie eine Session aufgebaut ist. Es bedeutet auch, Reaktionen wahrzunehmen, angemessen zu dosieren und die eigenen Grenzen zu kennen.
Was die Forschung noch nicht beantworten kann
Die bisherigen Ergebnisse sind spannend. Gleichzeitig sollte man sie im Verhältnis zu ihrer Aussagekraft betrachten.
- Kleine Stichproben: Die MRT-Studie umfasst 13 auswertbare Datensätze, die HRV-Studie 18 Teilnehmende und die EEG-Studie 20.
- Häufig erfahrene Teilnehmende: Mehrere Untersuchungen haben bewusst Menschen mit Breathwork-Erfahrung eingeschlossen. Ob sich Einsteiger:innen ähnlich verhalten, ist noch weniger klar.
- Zusammenhang ist nicht Ursache: Wenn eine Veränderung der Durchblutung mit einem bestimmten Erleben einhergeht, beweist das nicht, dass sie dieses Erleben verursacht.
- Messungen während einer Session sind schwierig: Bewegung, Zittern und andere körperliche Reaktionen können EEG- und MRT-Messungen erschweren. Viele Studien können deshalb nicht alle Prozesse kontinuierlich während der Session erfassen.
- Das Setting wirkt mit: Auch die Rolle von Musik, Gruppenumgebung und Begleitung ist noch nicht abschließend geklärt. In einer kleinen Studie zeigte sich kein messbarer Unterschied zwischen Sessions mit und ohne Musik, obwohl die Teilnehmenden deren Wirkung unterschiedlich beschrieben.
Die Neurowissenschaft von Breathwork steht noch am Anfang. Die bisherige Forschung bestätigt nicht automatisch jede Erklärung, die in der Praxis verwendet wird. Sie liefert aber erste Anhaltspunkte dafür, welche körperlichen und neurologischen Prozesse an den Erfahrungen beteiligt sein könnten – und wo weitere Untersuchungen nötig sind.
Die Erfahrung ist ein Anfang. Entscheidend ist, was daraus wird.
Wir wissen inzwischen, dass intensive verbundene Atmung weit mehr verändert als nur den Atemrhythmus. Sie kann den CO₂-Wert und die Hirndurchblutung beeinflussen, das autonome Nervensystem aktivieren und mit Veränderungen in der Verarbeitung von Körperempfindungen, Emotionen und Erinnerungen einhergehen.
Warum daraus bei manchen Menschen ein Gefühl von Verbundenheit entsteht, bei anderen Emotionen oder Erinnerungsbilder auftauchen und bei wieder anderen vor allem körperliche Empfindungen im Vordergrund stehen, lässt sich bisher nicht vollständig erklären. Die vorhandenen Befunde bieten dafür erste Modelle – keine abschließenden Antworten.
Für uns bei VELA™ ist die Frage danach, was während einer Session im Gehirn passiert, deshalb nur ein Teil des Ganzen. Ebenso wichtig ist, was Menschen aus einer Erfahrung mitnehmen und wie sich das im Alltag zeigt.
Eine Session kann etwas in Bewegung bringen. Doch eine intensive Erfahrung ist noch keine nachhaltige Veränderung. Dafür braucht es Zeit, einen passenden Rahmen und die Möglichkeit, das Erlebte in das eigene Leben zu integrieren.
Genau darum geht es bei Integration: nicht jede Erfahrung sofort zu erklären oder festzuhalten, sondern wahrzunehmen, was davon bleibt und wie es sich im Alltag verkörpern kann. Mehr dazu findest du im Journal-Artikel über Integration.
Denn entscheidend ist nicht nur, was sich während einer Session öffnet. Entscheidend ist auch, was du danach damit machst.
Quellen
- Havenith, M. N. et al. (2025): Decreased CO2 saturation during circular breathwork supports emergence of altered states of consciousness. Communications Psychology 3, 59.
- Kartar, A. A. et al. (2025): Neurobiological substrates of altered states of consciousness induced by high ventilation breathwork accompanied by music. PLOS ONE 20(8), e0329411.
- Bahi, C. et al. (2024): Effects of conscious connected breathing on cortical brain activity, mood and state of consciousness in healthy adults. Current Psychology 43, 10578–10589.
- Canello, T. et al. (2026): Non-ordinary states of consciousness evoked by breathwork correlate with improved heart-rate variability. Scientific Reports 16, 33317.
- Zelano, C. et al. (2016): Nasal respiration entrains human limbic oscillations and modulates cognitive function. Journal of Neuroscience 36(49), 12448–12467.
- Yackle, K. et al. (2017): Breathing control center neurons that promote arousal in mice. Science 355, 1411–1415.
- Ziemann, A. E. et al. (2009): The amygdala is a chemosensor that detects carbon dioxide and acidosis to elicit fear behavior. Cell 139, 1012–1021.
- Kox, M. et al. (2014): Voluntary activation of the sympathetic nervous system and attenuation of the innate immune response in humans. PNAS 111, 7379–7384.
- Übersichtsarbeit (2021): Hyperventilation in severe traumatic brain injury – a brief review. Frontiers in Neurology 12, 573237 (Hirndurchblutung pro mmHg CO₂).




